Wenn die Nebel durchs Land ziehen und die Tage kürzer werden, beginnt im Alpenraum die Zeit des Totengedenkens. Rund um Allerheiligen, Allerseelen und Samhain gibt es viele überlieferte Bräuche, vom Friedhofsbesuch über den Allerheiligenstriezel bis zum Seelenlicht. Was diese Allerheiligen-Bräuche mit dem keltischen Fest Samhain zu tun haben könnten, versuchen wir in diesem Artikel gemeinsam herauszufinden.
Was haben Allerheiligen und Samhain miteinander zu tun?
Samhain und Allerheiligen bzw. Allerseelen haben dasselbe Thema: das Gedenken an unsere Ahnen und an die Toten. Möglicherweise knüpfte die Kirche mit diesen Festen an ältere, vorchristliche Bräuche an. Einen gesicherten Zusammenhang gibt es jedoch nicht, vieles ist Überlieferung und Spurensuche.
Wann werden Allerheiligen, Allerseelen und Samhein gefeiert?
Allerheiligen und Allerseelen haben fixe Termine: den 1. und den 2. November. Allerheiligen wird schon seit dem 4. Jahrhundert gefeiert, im Jahr 835 legte Papst Gregor IV. es auf den 1. November. Allerseelen geht auf Abt Odilo von Cluny zurück und wurde 998 eingeführt.
Samhain war mit großer Wahrscheinlichkeit ein Mondfest und hat deshalb keinen festen Termin. Es richtet sich nach dem Neumond im Oktober oder November. Wann unsere vorchristlichen Ahnen es tatsächlich feierten, ist nicht überliefert. Der Abend des 31. Oktober, der Abend vor Allerheiligen („All Hallows‘ Eve“, daher Halloween), hat sich vor allem in der neuheidnischen Szene als Termin etabliert.
Wer sind die armen Seelen?
Nach katholischer Vorstellung sind die armen Seelen Verstorbene, die im Fegefeuer geläutert werden. Im Volksglauben hieß es, sie stiegen in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen auf und könnten sich eine Nacht lang auf der Erde erholen. Diese Nacht sollte für sie angenehm gestaltet werden, mit Licht, Wärme und Speisen. Mit Gebeten, Kerzen und guten Taten wollte man ihre Qual verkürzen.
Welche Bräuche gibt es zu Allerheiligen?
Rund um Allerheiligen und Allerseelen gibt es im mitteleuropäischen Raum viel erhaltenes Brauchtum, das teilweise aus dem bäuerlichen Jahreskreis und teilweise aus dem Volkswissen stammt.
Friedhofsbesuch
Am 1. November finden traditionell Gräbersegnungen auf den Friedhöfen statt, ursprünglich gehörten sie allerdings zu Allerseelen am 2. November. Kerzen werden angezündet, die Gräber geschmückt. Für viele ist es auch ein Anlass, dass sich die ganze Familie trifft. Auch für mich war Allerheiligen als Kind ein besonderer Tag, weil es immer ein großes Familientreffen gab.
Der Friedhofsbesuch ist ein Gedenken an die Ahnen und an unsere lieben Verstorbenen. In manchen Überlieferungen hieß es aber auch, dass in den dunklen, nebligen Nächten die Toten umgehen. Dann blieb man lieber zu Hause.
Allerheiligenstriezel
Der Allerheiligenstriezel ist ein sogenanntes Gebildbrot, das zu bestimmten Anlässen gebacken wird. In der Steiermark heißt das Gebäck fast überall so, in anderen Regionen Seelenzopf oder Seelenbrot. Der Brauch geht vermutlich auf die armen Seelen zurück: Früher wurden die Striezel an arme Leute verteilt, heute schenken ihn Patentanten und -onkel den Patenkindern. Ich backe meinen Striezel jedes Jahr für ein festliches Allerheiligenfrühstück.
Seelenausläuten
Aus Tirol kennt man das Seelenausläuten: In der Nacht vom 1. auf den 2. November läuten eine Stunde lang die Kirchenglocken. So sollten die armen Seelen kurz aus dem Fegefeuer auf die Erde zurückkehren können, zu Tagesbeginn mussten sie wieder zurück. Ähnliche Vorstellungen gibt es im Wallis, wo man glaubte, dass die Toten beim Läuten in Prozession kommen.
Seelenlicht und Mehlspur
Die Kerzen zu Allerheiligen und Allerseelen haben mehrere Bedeutungen. Das ewige Licht soll den Seelen Wärme spenden und ihnen den Weg ins Licht weisen. Manche glaubten, die Seelen fänden dadurch auch den Weg in ihr irdisches Zuhause zurück. Dazu passt der Brauch, eine Mehlspur vom Grab bis zum Haus des Verstorbenen zu streuen, damit er den Heimweg findet.
Rübengeister
Auch im Alpenraum wurden Rüben ausgehöhlt und mit Kerzen versehen. Die Kinder zogen damit von Haus zu Haus und baten um Süßes. Blieb die Tür verschlossen, trieb man mancherorts Unfug. Die ausgehöhlten Halloween-Kürbisse sind späte Nachfahren dieser Rübengeister, und auch das heutige „Trick or Treat“ erinnert an diesen Heischebrauch.
Geistspeisen
In der keltisch geprägten Vorstellung stehen zu dieser Zeit die Tore zur Anderswelt weit offen. In keltischen Ländern servierte man den Toten Hirse- oder Haferbrei. Auch bei uns war es in einigen Regionen Brauch, die Lieblingsspeisen der Verstorbenen vor die Tür oder an den Tisch zu stellen und das Herdfeuer brennen zu lassen, damit den Seelen nicht kalt ist. Ich decke für unser Allerheiligenfrühstück immer ein Gedeck für meine verstorbene Oma mit.
Ahnenaltar
Ein Ahnenaltar ist eine weitere Möglichkeit, den Liebsten in der Anderswelt zu gedenken. Man schmückt einen Platz im Haus mit Bildern der Verstorbenen, Kerzen und Blumen. Vor allem in alten Bauernhäusern gab es (und gibt es teilweise noch) Plätze, wo man die Bilder der im Jahr Verstorbenen sammelte. Rund um Allerheiligen wurden sie besonders verehrt.
Die Bräuche haben eines gemeinsam: Man gibt den Toten etwas zurück, nämlich Licht, Wärme und Nahrung. Den Lebenden schenken sie Trost und das Gefühl, mit den Ahnen verbunden zu bleiben.
Wie kannst du die alten Bräuche heute feiern?
- Backe einen Allerheiligenstriezel oder Seelenzopf, wenn du Kinder hast backe mit ihnen gemeinsam
- Zünde ein Seelenlicht an, zu Hause oder am Grab und gedenke damit deinen Lieben Verstorbenen
- Decke ein Gedeck mit für einen Menschen, den du vermisst und lade ihn bewusst ein
- Gestalte einen Ahnenaltar mit Bildern und Blumen oder mit Dingen, die der Verstorbene besonders gerne gemocht hat
- Räuchere mit Wurzeln und Harzen
Was hat Samhain mit der Kräutersammelzeit zu tun?
Mit Samhain endet traditionell die Kräutersammelzeit. In der Volksmagie gelten die Pflanzen jetzt als „puka“: Sie gehören den Kobolden und Naturwesen und werden nicht mehr gesammelt. Nun beginnt die Zeit der Wurzeln, man sagt auch „Ahnenzeit ist Wurzelzeit“.


